Tiefschwarzes Gold

Vorsichtig platziere ich die einzelne Blume auf dem hart gefrorenen Boden. Das tiefe Rot bildet einen starken Kontrast zur von zartem Weiß überzogenen Erde und dem sich daraus erhebenden grauen Stein. Ein bisschen Farbe an diesem trostlosen Ort.

Ich weiß nicht mehr, wie oder wann genau es begonnen hatte. Ich war nur froh, dass du plötzlich wieder gelacht hast. Die übrigen Veränderungen habe ich zunächst überhaupt nicht bemerkt. Immer hast du beteuert glücklich zu sein, doch eigentlich hatte ich dir nie geglaubt. Dein Lachen klang selten ehrlich und die Momente in denen du schwiegst wurden immer häufiger. Und als du mir dann wieder diese kribbelnden Momente schenktest, da fragte ich nicht nach. Ein glückliches Lächeln, das war alles was ich wollte und ich dachte, ich bekäme es.

Irgendwann bemerkte ich, dass es anders war. Anders als früher. Ja, es schien glücklich, aber eben nicht so wie früher. Nicht so unbeschwert. Und schließlich bemerkte ich auch die Schwankungen. Es ging dir gut, du schienst euphorisch und plötzlich das genaue Gegenteil. Genauso schnell lachtest du auch wieder. Und ich vergaß die vorangegangenen Momente.

Immer häufiger traten dieser Stimmungsschwankungen auf. Und immer größer wurde dein Desinteresse an mir. Ich wollte doch nur, dass du bei mir bleibst. Und ich wurde misstrauisch. Ich beobachtete dich. In deinen glücklichen Momenten und in den Momenten, in denen du den Boden zu verlieren schienst. Wenn du unruhig und fahrig aufs Klo verschwandst, und dann strahlend wieder heraus kamst.

Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlte als ich deine Tasche durchwühlte. Das schlechte Gewissen drohte mich beinahe zu zerquetschen. Wir hatten uns immer vertraut und was tat ich? Ich stellte wahnwitzige Vermutungen an und hinterging dich. Doch ich brauchte Gewissheit. Brauchte Gewissheit, dass meine Vermutungen wirklich nur wahnwitzige Hirngespinste waren.

Ich spüre immer noch das taube Entsetzen. Meine Vermutungen waren nicht bloß wahnwitzige Hirngespinste. Meine Vermutungen wurden aus mir herausgerissen, zu Boden geschmissen und zerbrachen in tausend Stücke. Sie wurden bei weitem übertroffen und ich wünschte mir mein schlechtes Gewissen zurück. Es wäre so einfach, wenn ich nur damit zu kämpfen hätte.

An den genauen Ablauf der Dinge die folgten, kann ich mich nur noch wage erinnern. Ich schmiss die Spritze und alles was dazu gehörte gegen die Wand und nahm anschließend das halbe Hotelzimmer auseinander. Meine Sachen mussten genauso darunter leiden wie deine. Ich wusste weder damals, noch weiß ich es heute, ob aus Wut oder einer anderen undefinierbaren Empfindung. Irgendwann saß ich mitten im Chaos zusammengekauert auf dem Boden und weinte. Weinte, wie ich noch nie zuvor geweint hatte. Um dich, um mich, um uns.

Als du wieder kamst, hatte ich mich ein wenig beruhigt. Beinahe apathisch saß ich auf dem Bett, das Chaos noch immer um mich herum. Dir schien es kaum aufzufallen, dass etwas anders war. Zumindest hast du dich nicht weiter dazu geäußert. Wie eigentlich immer in den letzten Wochen. Entweder du nahmst deine Umwelt gar nicht mehr wahr oder du wolltest sie einfach nicht wahrnehmen. Nur noch du selbst und keiner der dir wehtat. Dabei warst du es doch selbst, die dir am meisten wehgetan hat.

„Warum?“, fragte ich dich. Lächelnd sahst du mich an. Sahst du nicht die vielen Tränen, die ich vergossen hatte? „Warum tust du das?“ Hilflos.

Du hast mir nicht geantwortet, fingst einfach an meinen Hals zu küssen. Ich betrachtete die Unordnung, die ich kurz zuvor noch selbst verursacht hatte. Mein Blick blieb an der Spritze hängen. Ich hab dich weggeschubst, bin aufgesprungen und hab dich einfach nur angeschrieen. Was genau ich von mir gegeben hab, weiß ich nicht mehr. Mit großen Augen hast du mich angesehen. Sofort hätte ich wieder heulen können. Wahrscheinlich hab ich das auch. Ich war einfach nur wütend und enttäuscht. Doch am allermeisten hatte ich Angst. Angst, die so groß war, dass ich überhaupt nicht mehr kontrollieren konnte, was ich tat. Ich schüttelte dich, sah mir als letzte Bestätigung deine Arme an. Warum hatte ich es nie bemerkt? Plötzlich verstandst du, warum ich austickte. Auch du hast mich angeschrieen, hast mich durchs Zimmer geschubst und dem Chaos den letzten Schliff verpasst. Dann bist du abgehauen.

Irgendwann kamst du wieder. Einen Tag später, zwei, ich weiß es nicht. Ich kann mich an die Sorgen erinnern, die ich mir gemacht hab und wie froh ich war, als du in der Tür standst. Wahrscheinlich beging ich in diesem Moment den größten Fehler. Ich hab dich in den Arm genommen und du bist bei mir geblieben.

Natürlich hab ich versucht mit dir darüber zu reden. Ich hab versucht es dir auszureden. Natürlich hab ich das. Aber hast du mir überhaupt zugehört? Ich dachte, ich könnte dir helfen. Ich hab dir geglaubt, als du sagtest, dass du aufgehört hast. Ich war so naiv, und du hast dich weiter zerstört. Doch die Stimmungsschwankungen waren noch immer da und ich war misstrauisch geworden. Ich hab dir geglaubt, als du sagtest, das alles sei nicht so schlimm. Es wäre nur eine weitere Sache, die von Spießern und Politikern aufgebauscht würde. So wie Alkopops. Oder Joints. Was hätte ich darauf antworten sollen? Natürlich hatte ich es auch schon einmal probiert. Und von deinen goldenen Momenten hatte ich ja eigentlich keine Ahnung.

Und die goldenen Momente wurden kürzer, die tiefschwarzen nahmen zu und immer öfters verschwandest du im Bad. Irgendwann tatest du nicht einmal mehr das. Ich versuchte dich immer so lang wie möglich abzulenken und abzuhalten. Und irgendwann hast du mich dann immer einfach zur Seite geschubst. Ich hab dir zugesehen. Es war dir egal, alles was zählte war, dass das Gold wieder durch deine Adern floss. Ich war so machtlos. Ein oder zweimal habe ich dir sogar die Spritze aus dem Arm gezogen. Ich kann kaum in Worte fassen, was für eine scheiß Angst ich in diesen Nächten hatte. Stundenlang saß ich in der Dunkelheit und hielt dein Handgelenk umklammert. Das zarte Pochen beruhigte mich.

„Happy Birthday…“, flüsterte ich in einer dieser Nächte. Ich wusste, dass du es nicht hörst. Und selbst wenn, dann wäre es dir wahrscheinlich egal gewesen. Nichts zählte mehr. Nur eins. Und ich blieb neben dir liegen und wachte über deinen Schlaf. Vorsichtig strich ich dir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich wünschte mir unzählige Dinge in jener Nacht. Allesamt nur für dich. Allesamt, dass es so werden würde, wie es früher einmal gewesen war.

„Nur noch dieses eine Mal…“ Ich weiß nicht, wie oft ich diese Worte aus deinem Mund gehört habe. Irgendwann hab ich aufgehört zu zählen. Einmal hatte ich dich sogar so weit in den Entzug zu gehen. Keine 24 Stunden später standest du wieder vor meiner Tür. Ich hatte es beinahe schon erwartet. Und ich glaubte dir, dass du es alleine schaffen könntest. Ich wollte es einfach glauben. Heute frage ich mich, warum ich niemanden um Hilfe gebeten habe. Wahrscheinlich habe ich mir immer eingeredet, dass wir es auch alleine schaffen können. Dass du irgendwann einfach aufhören könntest, wenn ich dich nur genug unterstützen würde. Und ich wollte dich nicht verlieren. Dass ich den Umgang mit dir verboten bekäme stand außer Frage.

Immer wieder habe ich mir und auch dir die Frage nach dem Warum gestellt. Einmal hast du sie mir beantwortet. Danach hab ich nie wieder gefragt. „Ich will wieder träumen…“, hast du geflüstert. „Wovon?“, hatte ich genauso leise nachgehakt. Sie waren selten geworden, die Momente in denen wir uns ruhig unterhalten konnten. „Vom glücklich sein…“

Deine Antwort hatte mir Tränen in die Augen getrieben. Wir haben zusammen geweint. Bis du wieder ins Bad verschwunden bist. Meine Tränen häuften sich in deinen letzten Tagen. Ich weiß nicht, wie viel du davon mitbekommen hast. Aber irgendwann hast du wohl verstanden, dass deine goldenen Momente eigentlich gar nicht golden waren. Sie glänzten nicht. Aber du wolltest es so lange nicht wahr haben. Das was ich als Schwarz bezeichnet hatte, bezeichnetest du unbeirrt als Gold.

Vorsichtig streiche ich mit meiner Hand über den kalten, leblosen Stein. Beinahe das einzige was noch von deiner Anwesenheit in dieser Welt zeugt. Neben dem schwarz-goldenen Schimmer meines Herzens. Ich denke nicht gerne an unsere letzten Momente. Aber wenn ich nun hier bei dir sitze, dann komme ich nicht darum herum.

Kurz erscheint das Bild, welches ich am meisten fürchte, vor meinem inneren Auge. Blass lagst du auf meinem Bett. Zu blass. Mein Shirt umschmiegte deinen abgemagerten Körper und ich war nicht da gewesen um dir die Spritze aus dem Arm zu ziehen. Du hast es nicht mehr selbst geschafft. Aber auch wenn ich an deiner Seite gewesen wäre, dann hätte ich dir wohl kaum helfen können. Immer wieder muss ich mir das einreden.

Hastig stehe ich auf, werfe einen letzten Blick auf deinen Namen und gehe zurück durch das schmiedeeiserne Tor. Wortlos steige ich in den Van mit den abgedunkelten Scheiben. Noch immer frage ich mich, wer von uns wen allein gelassen hat. Ja, du hast mich am Ende allein gelassen. Du hast es gewollt. Das war zumindest die Meinung der Ärzte. Aber habe ich dich nicht schon viel früher allein gelassen?
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