Und wieder sitze ich nach einem langen Tag im Bus. Müde lasse ich alle Ereignisse Revue passieren, so wie ich es immer tue. Jeder Tag gleicht dem Vergangenen und meine Gedanken drehen sich im Kreis. Selbst hier im Bus begegne ich immer nur den gleichen, ausdruckslosen Gesichtern. Alle nur mit sich selbst beschäftigt. Ich verüble es ihnen nicht, wende doch auch ich meinen Blick ab.

Wie immer schaue ich aus dem Fenster; die Umgebung nehme ich kaum noch wahr. Mit geschlossenen Augen könnte ich trotzdem jedes Detail wiedergeben. Kaum bemerke ich, wie der gerade noch helle Himmel sich langsam orange, dann rot färbt. Das tut er jeden Tag; jeden Tag ein wenig früher. Schon lange habe ich die Schönheit vergessen. Sie ist vergraben worden unter Monotonie und Alltag.

Bäume ziehen an mir vorbei, strecken ihre dürren Arme klagend zum Himmel, gen Unendlichkeit. Auch hier, kaum Veränderung. Jeden Abend ein weiteres Blatt, welches langsam mit Braun überzogen wird. Nichts Neues. Die Jahreszeiten haben sich schon lange dem Trott ergeben. Seit Anbeginn nur Wiederholungen, verfangen in einer Endlosschleife.

Der Bus hält. Ich brauche nicht aufzuschauen, um zu wissen, dass der alte Mann mit dem Hut nun aussteigt. Anfangs habe ich ihn noch genau beobachtet. Nie hat er meinen Blick erwidert. Versunken in seinen eigenen Gedanken steigt er aus und geht seines Weges. Bevor sich die Türen quietschend schließen, höre ich noch das leise ‚Tock… Tock… Tock’ seines Gehstocks. Ruckelnd fährt der Bus an und wir lassen ihn hinter uns, ohne dass er jemandem noch länger im Gedächtnis bleiben würde.

Zwei Stationen noch und die junge Frau, welche immer ganz vorne rechts sitzt, wird den Knopf drücken. Jetzt. Schrill durchbricht das Geräusch die Stille. Das Stopp-Zeichen blinkt. Ich weiß; ich brauche nicht hinzuschauen. Schnell steigt sie aus, als der Bus erneut hält. Sie ist immer in Eile. Anfangs habe ich mich gewundert, warum sie den Bus nimmt. Viel zu gemächlich, so scheint es, bahnt er sich seinen Weg durch die Straßen. Ungeduldig sitzt sie immer auf ihrem Platz, schaut auf die Uhr. Der Bus setzt sich wieder in Bewegung, und schnell verschwindet sie aus meinen Gedanken. Bis zum nächsten Tag.

Bald ist der Bus leer, und ich fahre alleine weiter bis zu meiner Haltestelle. Der Busfahrer weiß es, doch verabschiedet hat er sich schon lange nicht mehr. Zu Beginn, ja, aber auch für ihn ist es nun zum Alltag geworden. Nun bin ich nur ein Teil seiner Arbeit; eine Arbeit, die er schnell hinter sich bringen will.

Monoton zähle ich die Haltestellen mit. Noch vier… noch drei… zwei… Ich drücke auf den Knopf. Jetzt, da ich allein im Bus sitze, scheint das Geräusch noch schriller, beinahe anklagend. Mechanisch greife ich nach meinem Mantel, habe die Tasche fest in der anderen Hand. Ich stehe auf als der Bus hält, warte, dass sich die Türen öffnen und ich endlich hinaus kann. Jeden Tag hoffe ich, dass ich so diesen Gedanken entfliehen kann. Doch heute ist es nicht wie gestern. Etwas ist anders.

Draußen, neben dem orangefarbenen Mülleimer, steht jemand. Die Türen öffnen sich endlich und er schaut mich an. Er sieht nicht an mir vorbei, so wie alle es bisher getan haben. Ich steige aus, sein Blick verlässt meinen nicht. Ich stehe nur da, folge ihm mit meinen Augen, als er einsteigt und davonfährt.

Langsam schlage ich den Weg ein, der mich nach Hause führen wird. Ich achte nicht auf ihn. Ich achte nicht darauf, dass meine Haare vom Wind zerzaust werden und ich achte nicht darauf, dass der Regen mich langsam durchnässt. Was ist geschehen? Ein kleiner Moment, und er hat die Monotonie durchbrochen. Ein seltsames Gefühl. Es war einer jener Momente, die vielleicht alles verändern. Neue Gedanken zerbrechen den ewigen Kreislauf in meinem Kopf.

Tag für Tag sind wir von Tausenden von Menschen umgeben. Wir bemerken es nicht einmal wirklich. Wir laufen aneinander vorbei und sehen sie nicht. Und wenn doch, dann haben wir sie einen Augenblick später schon wieder vergessen. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass es wirklich Menschen sind. Natürlich weiß ich es, und vielleicht bemerke ich sie auch für einen kurzen Moment. Doch habe ich je verstanden, dass es auch Personen sind wie ich? Ein eigenes Leben, viele Erinnerungen, unendliche Gedanken. Keine bloßen Gegenstände, die den Rand meines Weges säumen. Und erst jetzt erkenne ich es? Ja, es ist schrecklich wie wir leben. Und es wurde mir klar, nur durch den Blick des jungen Mannes, welcher an meiner Haltestelle in den Bus stieg; welcher mich wahrgenommen hat. Ein Augenblick, in dem sich unsere Blicke treffen, ein Augenblick in dem sich unsere Leben verbinden. Er nimmt teil an meinem, ich an seinem. Und auch wenn es nur für Sekunden war, so ist es doch etwas Besonderes in meiner grauen Welt. Und ich bin ihm dankbar.
Gratis bloggen bei
myblog.de