Von Rissen und Trümmern

Den gesamten Abend hatte ich versucht es von mir wegzuschieben. So gut es eben ging hatte ich das penetrante Ziehen in meinem Bauch ignoriert und versucht es aussehen zu lassen als wäre alles beim Alten. Die Schmerzen, welche das viel zu schnell klopfende Etwas in meiner Brust verursachte, waren weniger leicht zu verdrängen gewesen. Natürlich hatte er es bemerkt. Aber bis auf ein kurzes ‚Alles okay?’ hatte er sich nicht weiter dazu geäußert. Wahrscheinlich wusste er schon was ich sagen wollte, bevor sich die Worte in meinem Kopf überhaupt zu einem sinnvollen Satz zusammengesetzt hatten. Sinnvoll was den Satzbau betraf, nicht sinnvoll was den Inhalt anging. Ja, ich war mir selbst nicht sicher. Besser gesagt, der Rest meines Körpers war absolut nicht einverstanden mit dem was mein Kopf sich da zusammengereimt hatte, wie das beinahe schon krampfartige Zusammenziehen meines Bauches und meines Herzens eindrucksvoll bewiesen. Wie gesagt, ich ignorierte es. Immer wieder spürte ich seine Blicke auf mir, doch mein Blick fand gekonnt dutzende andere Beschäftigungen. Als der nah gelegene Kirchturm den neuen Tag ankündigte, hatte ich meine Gedanken noch immer nicht in Sätze verpacken können.
„Fährst du mich nach Hause?“ Dieser eine Satz durchbrach die Stille wie ein Donnerschlag. Zumindest kam es mir trotz meiner brüchigen Stimme so vor.
Es war unnötig, dass er mich mit dem Auto nach Hause brachte, ich hätte problemlos laufen können. Normalerweise tat ich das auch, aber heute war eben nicht ‚normalerweise’. Eine – wenn auch kurze – Autofahrt schob das unvermeidliche Gespräch noch weiter hinaus und mir blieben wenigstens ein paar weitere Minuten, in denen mein Herz bloß Risse hatte, jedoch noch nicht zerschmettert am Boden lag.

Jetzt wo es noch nicht ganz zerbrochen war und wo die Stille kaum in den kleinen Raum des Autos passte, schlug es heftiger als je zuvor. Beinahe so als wolle es die letzten Momente aufs Vollste auskosten.
„Halt an!“, schärfer als ich es meiner Stimme in diesem Moment zugetraut hatte, durchschnitt sie die Stille.
Wir waren noch nicht ganz da, aber ich konnte nun einfach nicht länger warten. Hätte ich noch länger versucht Wörter zusammen zu klauben, die einfach nicht da waren, wahrscheinlich wäre ich ausgestiegen ohne überhaupt etwas gesagt zu haben. Durch den plötzlichen und ebenso heftigen Satz meinerseits, erschrak er und trat augenblicklich auf die Bremse. Der kleine Wagen stand nicht mehr ganz in der Spur als wir schließlich hielten.

Japsend schnappte ich nach Luft. Meine Atmung musste im selben Moment wie das Schlagen meines Herzens ausgesetzt haben. Nun schmerzte die kalte Nachtluft in meinen Lungen und trotz des vorangegangenen Sauerstoffmangels zwang ich mich möglichst langsam und regelmäßig die Luft in eben diese zu ziehen. Ich hatte es getan. Ohne weiter nachzudenken und ohne die Worte in schön klingende Sätze zu verpacken. Ich wollte es nicht und ich wusste, dass er es auch nicht wollte. Aber es ging einfach nicht mehr. Wir sahen und selbst dabei zu wie wir uns zerstörten und es gab nichts was wir hätten ändern können. Irgendwie hätte ich es aushalten können, aber ich hielt nicht aus ihn leiden zu sehen. Natürlich hatte er es nie zugegeben, genauso wenig wie ich gerade das gesagt hatte, was ich wirklich meinte.
Ich hielt mich davon ab einfach Hals über Kopf davon zu stürzen und setzte langsam, unter Aufbringung all meiner Konzentration, einen Fuß vor den anderen. Ich drehte mich nicht um. Ich wusste, dass das Auto noch immer leicht schräg dort auf der Straße stand und ich hatte Angst, dass ich einfach zurück rennen würde und alles zurück nahm, was ich gerade noch so unbeholfen in die Stille gestammelt hatte.
Nun ließ ich das zurück, was mir noch immer am meisten bedeutete, es nun aber nicht mehr durfte. Ich ging in die Nacht hinaus ohne auf die Richtung zu achten, hörte nur die viel zu schwachen Schläge, welche aus den am Boden liegenden Trümmern sickerten. Das eigentlich feste Gebilde hatte den Rissen nachgegeben und war scheppernd von seinem Platz gen Boden gerutscht.
Seufzend ließ ich meinen Blick nach oben gleiten, betrachtete kurz den Himmel. Nicht lange, zu schnell erinnerte ich mich an gemeinsame Stunden in denen wir die funkelnden Punkte gemeinsam betrachtet hatten. Weiter wanderte mein Blick zu dem riesigen Baum, welcher am Rande der Straße stand, diese wie ein Dach überragte und seine Äste wie Arme nach etwas ausstreckte, das nicht da war. Vielleicht sah ich es auch einfach nicht. Auch im gerade hinter mich gebrachten Gespräch war nicht alles offensichtlich gewesen. Ich wusste nicht, was er davon hielt und er wusste nicht, was ich wirklich hatte sagen wollen. Wir sahen beide nicht wohin der heutige Abend führen würde oder ob er im Nichts endete, ganz so wie die langen Äste des Baumes, welche mitten in der Luft aufhörten zu existieren
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